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«Es fängt langsam an, aber dann nimmt alles plötzlich Fahrt auf»

02.12.2019

Nach mehr als 25 Jahren in der Pharmaindustrie gründete Andreas Katopodis zusammen mit Professor Onur Boyman das Biotech-Unternehmen Anaveon. 2019 konnte das Startup 35 Millionen CHF beschaffen und wird den Aufbau seines neuen Labors in Kürze abschliessen, während gleichzeitig seine Produkte in Richtung klinische Entwicklung weiterentwickelt werden. Mit viel optimistischem Realismus zieht Andreas Bilanz.

Andreas Katopodis (img: Pino Covino)

BaselArea.swiss: Andreas, wie läuft Anaveon?

Andreas Katopodis: Die Labore sehen endlich aus wie Labore und wenn alles gut geht, können wir ab Dezember Versuche durchführen.

Sie waren lange Zeit Leiter des Transplantationsteams bei Novartis. Jetzt sind Sie CEO eines Startups, das IL-2-Komplexe zur Behandlung von Krebs entwickelt. Wie hat dieser Weg begonnen?

Ich bin Molekularbiologe von Beruf, war aber schon immer von der Immunologie fasziniert. Als ich mit der Arbeit begann, war Cyclosporin seit einigen Jahren auf dem Markt. Es ermöglichte Organtransplantationen und verlängert die Lebenserwartung der Patienten deutlich. Das war fantastisch! Bei Novartis war ich für die Identifizierung neuer Ansätze im Bereich  Autoimmunerkrankungen verantwortlich und arbeitete gleichzeitig an der Realisierung der Transplantationstoleranz. Die immunologische Toleranz ermöglicht es, ein Organ zu transplantieren, ohne ein ganzes Leben lang Medikamente gegen die Abstossung einnehmen zu müssen. Das Gegenteil von Toleranz ist Abstossung. Diese Art biologischer Abläufe ist für die Bekämpfung eines Tumors relevant. Also dachten wir darüber nach, wie wir unsere Expertise nutzen könnten, um Tumore zu bekämpfen. Wir haben uns mit Onur Boyman von der Universität Zürich getroffen, der sich mit Zytokinen und ihrer Rolle bei der Regulation des Immunsystems beschäftigt.

Erklären Sie uns bitte die Wissenschaft dahinter.

Das Immunsystem hat Effektor- und Toleranzmechanismen. Die Effektoren  sorgen für Immunität gegen alles, was der Körper als fremd betrachtet – ob Viren, Bakterien oder eine Niere von einer anderen Person. Ein Akzeptanzmechanismus hingegen passiviert die Immunantwort. Es ist wie Yin und Yang: Jede Aktion führt zu einer Gegenreaktion, die das System im Gleichgewicht hält. Die in Onurs Labor durchgeführten Forschungen an IL-2 führten zur Bildung von Antikörpern, die Effektormechanismen modulieren konnten. Wir haben dann das Know-how von Novartis genutzt, um diese Antikörper zu neuen Medikamenten für die Krebsbehandlung zu entwickeln. Leider stellte Novartis das Projekt 2016 aus strategischen Gründen ein.

Was passierte, nachdem Novartis das Projekt eingestellte hatte?

Die Kurzversion: Onur und ich waren begeistert von dem, was wir erreicht hatten, und haben es von Novartis und der Universität Zürich auslizenziert. Wir haben Anaveon gegründet und konzentrieren uns jetzt darauf, unsere Kandidaten in die klinische Testphase zu bringen.

Anaveon entwickelt Therapeutika, die auf der Fusion eines Antikörpers mit IL-2 basieren. Wie kompliziert ist das eigentlich?

Was wir bei Anaveon tun, ist keine exotische Wissenschaft, aber auch keine Routine. Wir versuchen, Risiken zu minimieren, wo immer wir können. Wir kennen alle Komponenten: IL-2, T-Zellen und NK-Zellen, aber was wir nicht wissen ist, wie genau sie bei der Behandlung von Krebs zusammenwirken.

Wie schwer war es, ein Projekt von Novartis auszulizensieren?

Es war einfach, aber es hat sehr lang gedauert. Novartis verfügt über einen klaren und professionellen Prozess für die Lizenzierung von Projekten in der späteren Phase, die aus strategischen Gründen eingestellt wurden, aber für Projekte in der frühen Phase existiert kein solcher Prozess und ich denke, deshalb hat es etwas länger gedauert.

Waren Sie direkt an den Verhandlungen über den Lizenzvertrag mit Novartis beteiligt?

Nein. Um den Prozess für alle fair zu machen, hat Onur mit dem Lizenzierungsteam von Novartis zusammengearbeitet und ich habe dasselbe mit dem Team der Universität Zürich gemacht. Bei diesen Verhandlungen muss man einen klaren Fokus, viel Geduld und eine Haltung haben, die nur Erfolg akzeptiert. Am Ende haben wir Bedingungen gefunden, mit denen alle Beteiligten zufrieden waren.

Jetzt sind Sie Unternehmer. Wie bewusst war Ihnen diese Entscheidung?

Meine Zeit bei Novartis war grossartig, denn wir arbeiteten an einem interessanten Projekt nach dem anderen und uns standen viele Ressourcen zur Verfügung, um diese Projekte zu verfolgen. Aber was die meisten Menschen in meiner Branche antreibt, ist, das Ergebnis ihrer Hypothese in neue Medikamente für Patienten umzusetzen. Ich habe viele Jahre in der Transplantationsforschung gearbeitet. Es gibt nichts Unglaublicheres, als einen Dialysepatienten zu sehen, der eine neue Niere bekommt. Krebs ist etwas, das uns allen nur allzu bekannt ist. Die Gründung von Anaveon war eine noch grössere und interessantere Aufgabe mich. Es war also nicht so sehr das Unternehmertum, sondern dieses Konzept, an das ich glaube, und das, was es im klinischen Alltag möglich macht.

Wie optimistisch sind Sie in Bezug auf das Ergebnis?

Wie wir alle wissen, gibt es eine hohe Ausfallrate in der klinischen Entwicklung, aber wir haben lange Zeit intensiv geforscht und glauben an das Potenzial dieses Projekts. Die ersten Fortschritte kamen aussergewöhnlich schnell und es wäre eine unglaubliche Verschwendung, sie nicht in der Praxis zu testen.

Sie haben eine Förderung aus dem Life Sciences Fund der Universität Zürich und von BaseLaunch erhalten. 2019 haben Sie eine Finanzierungsrunde der Serie A unter Führung des britischen Life-Science-Fonds Syncona abgeschlossen. Hinzu kam der Novartis Venture Fund: Insgesamt konnten Sie 35 Millionen CHF aufbringen. Das ist eine grosse Leistung.

An dieser Stelle möchte ich kurz zurückblicken … Im Prozess der Medikamentenentwicklung gibt es die so genannten Compound Decision Points. Das sind wichtige Meilensteine. Zuerst muss man zeigen, dass das Ziel oder die Wirkungsweise für die Krankheit relevant ist. Es ist ein Nachweis für die Machbarkeit. Dann muss man entscheiden, wie man pharmakologisch zu diesem Ziel gelangt. Dieser zweite Teil ist zeit- und ressourcenintensiv, da man verschiedene Verbindungen und Antikörper verwendet, deren Entwicklung und Prüfung Jahre dauern kann. Wir hatten Glück, weil wir den Compound Decision Point bereits erreicht hatten, so dass die Leitsubstanzen bereits ausgewählt waren. Wir wussten, dass eine von ihnen funktionieren würde. Als wir Anaveon gründeten, waren wir bereit, mit der eigentlichen Herstellung und Prüfung der Leitwirkstoffe zu beginnen.

Welche Faktoren haben die Finanzierung zusätzlich erleichtert?

Zuerst haben wir 1 Million CHF aus dem Life Sciences Fund der Universität Zürich erhalten, die es uns ermöglichten, die ersten Produktionsschritte einzuleiten. Darüber hinaus unterstützte uns BaseLaunch, zunächst mit einem Zuschuss, dann mit einem Darlehen. Anja König, Global Head des Novartis Venture Funds, hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass wir Finanzierungen einwerben konnten. Unter ihrer Anleitung haben wir nicht überverkauft, wir haben nicht an zu viele Türen geklopft und wir hatten Glück, dass wir binnen weniger als 6 Monaten mehrere Offerten bekamen. Ich glaube, es war eine Kombination daraus, sehr realistisch zu sein und den Investoren eine ausgewogene Sichtweise zu zeigen. Das Fazit: Können wir zeigen, dass wir ein gutes Konzept haben? Glauben wir an das Konzept? Können wir andere Menschen dazu bringen, an dieses Konzept und an uns und das Team zu glauben?

Sie arbeiten mit professionellen VC-Fonds zusammen. Was ist Ihre bisherige Erfahrung?

Ich persönlich bevorzuge professionelle Investoren. Sie sind in der Lage, die Gültigkeit Ihres Projekts zu beurteilen und Sie zu fordern und zu begleiten. Sie sind oft teurer als private Business Angels, aber ich glaube, das ist der Preis, den man für erfahrene, professionelle Hilfe zahlt. Mein Rat für Startups: Versucht, frühzeitig mit professionellen Investoren zusammenzuarbeiten. Natürlich sind sie anspruchsvoller. Normalerweise möchten sie, genau wie wir Wissenschaftler, dass ihre Fantasie von etwas Spannendem beflügelt wird. Die Besten wollen mit einsteigen und beim Aufbau des Unternehmens helfen und ich glaube, das haben wir bei Anaveon.

Startups haben oft Schwierigkeiten mit der Wertermittlung, besonders in der Frühphase.

Wir haben uns auch mit diesem Thema abgemüht. Es ist schwierig, einen guten Preis zu schätzen. Ich glaube nicht, dass es beim Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens darum geht, die höchste Bewertung zu bekommen. Stattdessen muss man die besten Partner finden. Einige Fonds sind sehr gross, so dass viel von den tatsächlich beteiligten Personen abhängt. Während des Due-Diligence-Prozesses ist viel Zeit, alle Beteiligten kennenzulernen. In unserem Fall haben wir mit den Investoren weitergemacht, mit denen wir uns am wohlsten fühlten. Ich versuche, das in meinem Leben im Allgemeinen zu tun. Genauso habe ich unser Team zusammengestellt.

Wie weit kommen Sie mit 35 Millionen CHF?

Die erste Antwort darauf werden wir in der Praxis erhalten. Mit 35 Mio. CHF können wir Phase-I-Studien durchführen, aber wir müssen im weiteren Verlauf zusätzliche Mittel aufbringen. Irgendwann in Zukunft könnten wir in Betracht ziehen, einen oder mehrere Partner zu finden, die uns durch Kombinationstherapiestudien bringen können. Diese Entscheidung werden wir als Team und zusammen mit unseren Investoren treffen. Wir verfolgen die Vision, auch in andere Bereiche zu expandieren.

Was macht die Konkurrenz?

Die Konkurrenz im Bereich IL-2 der nächsten Generation ist uns voraus. Dennoch sind wir überzeugt, dass wir eine erstklassige Therapie bieten. Ärzte, Patienten und Kostenträger werden das Medikament verwenden, das die beste Überlebenschance oder eine potenzielle Heilung bietet, anstatt sich für das zweitbeste zu entscheiden. Die Onkologie ist ein grosses Feld, das Platz für einen weiteren Akteur bietet, der den gleichen Wirkmechanismus anwendet, solange er sein Medikament differenzieren kann. Wir haben Glück, weil wir Investoren haben, die uns helfen können, schnell voranzukommen. Und es ist wie bei den meisten anderen Dingen im Leben: Es fängt langsam an, aber dann nimmt alles plötzlich Fahrt auf.

Was war bisher Ihre grösste Herausforderung?

Eine meiner Herausforderungen bestand darin, Labore zu finden und zu organisieren. Das ist der Grundpfeiler der Biotechnologie. Die grösste Herausforderung war, eine Organisation aufzubauen. Basel bietet einen grossartigen Talentpool mit Pharmaerfahrung. Natürlich unterscheidet es sich noch von den Biotech-Zentren in den USA. Die Menschen hier sind weniger mobil. Inzwischen sind sie aber verstärkt bereit, ein Risiko einzugehen. Das Schöne an einem kleinen Startup ist, dass man sowohl die Herzen als auch die Köpfe der Menschen fesseln kann, während man in der Pharmabranche häufig den Geist der Menschen, aber nicht so sehr ihr Herz gewinnt. In unserer Branche sind die Teams kleiner Unternehmen sehr schlank. Jeder ist sehr wichtig. Ausserdem schätzen sie auch andere Vorteile wie schnelle Entscheidungen.

Was war für Sie bei der Zusammenstellung Ihres Teams entscheidend?

Die technische Kompetenz ist wesentlich, aber nicht ausreichend. Die Teammitglieder müssen das Risiko bereitwillig eingehen, nicht nur, weil sie nichts anderes zu tun haben. Ich habe nach Leuten gesucht, die eine Vision haben. Wir hatten Stellenangebote über verschiedene Kanäle geschaltet, aber wie sich herausstellte, sind unsere Mitarbeiter sind bisher ausschliesslich durch Empfehlungen zu uns gekommen.

Sie scheinen jede Minute davon zu geniessen. Gibt es irgendetwas, das Ihnen Angst macht?

Der bisher furchterregendste Teil war der Abschluss der Serie A. Jetzt besteht der erschreckendste Teil darin, in Phase 1 übergehen zu können. Manchmal fühlt es sich an wie eine Fahrt auf einer mehrspurigen Strasse, die sich plötzlich verengt, und man muss irgendwie durchkommen. Ein Beispiel wäre die Suche nach der richtigen Formulierung für unseren Wirkstoff. Von diesen Engpässen wird es in Zukunft noch mehr geben. Ich spreche aus Erfahrung: Man macht die besten Pläne und plötzlich hängt alles von einem unerwarteten Faktor ab.

About Andreas

Andreas Katopodis is CEO of Anaveon. In 2018, he founded Anaveon together with Onur Boyman, Professor and Chair of the Department of Immunology at the University of Zurich. At Novartis, Andreas worked in the Autoimmunity, Transplantation and Inflammatory group from 1996 to 2018. He was involved in many aspects of early to late drug development for immune mediated diseases, such as solid organ transplantation and autoimmunity. Prior to this, he worked at the Zentrale Forschungslaboratorien at Ciba Geigy in Basel, doing research on immune cell trafficking. Before 1991, Andreas was an assistant professor at the Georgia Institute of Technology in Atlanta. He studied molecular biology.

Interview: Annett Altvater, Leonildo Delgado

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