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«Patient Centricity braucht Kommunikation auf Augenhöhe»

02.02.2020

Das Universitätsspital Basel will Innovation künftig nicht nur anwenden, sondern diese auch selber tatkräftig vorantreiben. Hierfür hat man jüngst ein Innovation-Lab eingerichtet sowie ein internes Förderprogramm zur Umsetzung von Innovationsprojekten lanciert. Treibende Kräfte hinter dieser Initiative sind Jens Eckstein und Marc Strasser. DayOne von BaselArea.swiss sprach mit Jens Eckstein.

Jens Eckstein

BaselArea.swiss: Grundsätzlich gibt es zwei Gründe, Innovation voranzutreiben. Entweder es ist die Not, die erfinderisch macht, oder es ist ein innerer Antrieb, der einen anspornt. Wo würden Sie sich einordnen?

Jens Eckstein: Ohne einen inneren Antrieb hätte ich diese Aufgabe sicher nicht übernommen, aber einen Anteil davon kann man auch als Not bezeichnen. Vieles von dem, was wir jetzt angehen, sind schlichtweg Hausaufgaben, die wir bislang noch nicht erfolgreich erledigt hatten. Wenn heute ein Patient in die Klinik kommt, dann erlebt er, was die Informationstechnologie angeht, zum Teil einen Rückschritt gegenüber dem, was er in seinem privaten Leben gewohnt ist. Manche Systeme, mit denen wir als Behandlungsteam arbeiten, sind 20 Jahre alt. Irgendwann habe ich mir dann gesagt, unsere IT kann das besser und ein Kollege antwortete mir: «Wer meckert, muss machen.» Darüber hinaus zähle ich natürlich zu den Leuten, die Freude an Technologie und Innovation haben. Darum waren diese pain points für mich ja auch so schwer erträglich.

Ihr Anliegen fand offenbar Gehör?

Ja, IT- und Spitaldirektion haben mich voll unterstützt und wir haben uns neu aufgestellt. Zu 50 Prozent arbeite ich jetzt als Kliniker und zu 50 Prozent als Chief Medical Information Officer. Damit kann ich als Übersetzer und Brückenbauer zwischen IT und Fachbereich fungieren.

Welche Hausaufgabe haben Sie als erstes angepackt?

Wir haben schon vor meinem Rollenwechsel einen grossen Monitor auf jedem Stockwerk montiert, auf dem jeweils die Stationsteams mit Foto vorgestellt werden.

Das hört sich nicht gerade sehr disruptiv an?

Ja, das klingt vielleicht banal, macht aber für viele unserer Patienten und ihre Angehörigen einen grossen Unterschied. Viele unserer Patienten sind es gewohnt, dauernd online zu sein und Zugriff auf sämtliche Informationen zu haben. Umso belastender kann es dann sein, wenn dieser Normalzustand im Spital plötzlich abhandenkommt. Natürlich haben alle Patienten WLAN und Internetzugang, aber viele Informationen, die sie interessieren, stehen Ihnen noch nicht digital zur Verfügung. So nimmt man als Patient oft eine passive Rolle ein. Wenn wir wollen, dass sich Patienten aktiv an ihrem Heilungsprozess beteiligen, müssen wir genau dort ansetzen und sie zeitnah mit sämtlichen für sie relevanten medizinischen und organisatorischen Informationen versorgen. Nur dann werden sie sich auch in den Behandlungsprozess einbringen können.

Will man das als Arzt?

Es macht viel mehr Spass mit aufgeklärten Patienten zu arbeiten! Alle reden heute von «Patient Centricity». Wenn man das wirklich ernst nimmt, hat dies für unseren Berufsstand weitreichende Konsequenzen. Als Arzt ist man herausgefordert, die Patienten in die Entscheidungsfindung einzubinden. Unsere Aufgabe ist es, sie zu beraten und zu coachen. Mit einer Therapie um jeden Preis den Tod abzuwenden mag dann unter Umständen nicht mehr das alleinige Ziel einer Intervention sein. Fragen nach der Lebensqualität werden ebenso relevant. Dazu braucht es Kommunikation von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe. Der Monitor auf dem Stockwerk war ein erster, ganz kleiner Schritt in diese Richtung, damit jeder weiss, welche Menschen sich hier um die Patienten kümmern.

Wollen denn die Patienten überhaupt mitreden?

Ja, sicher. Neue Technologien spriessen derzeit förmlich aus dem Boden und dies erhöht auch den Druck auf unser Spital. Niemand erwartet, dass ein Universitätsspital zum Boutique-Hotel wird. Im Fokus steht die erstklassige medizinische Versorgung. Doch die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, und wir als Spital müssen diese optimal zum Nutzen der Mitarbeitenden und Patienten ausschöpfen. Darum haben wir das Innovation-Lab eingerichtet.

Und was genau kann man sich darunter vorstellen?

Das Innovation-Lab fungiert zunächst als Einflugschneise für neue Technologien. Hierfür haben wir eine von der Klinik abgesonderte IT-Infrastruktur aufgebaut, die es erlaubt, neue Anwendungen in einem geschützten Bereich schnell zu implementieren sowie unter Einbezug von Entscheidungsträgern und Patienten zu testen. Es ist also eine Art Sandkasten oder Spielwiese für erste Pilotprojekte mit neuen Technologien, ohne dass diese schon alle Anforderungen eines Medizinproduktes und vorgegebene Sicherheitsstandards erfüllen müssen.

Werden Sie von Anfragen überrannt?

In der Tat ist die Situation eigentlich schon jetzt kaum mehr zu stemmen. Ich bin derzeit dabei, das Team auszubauen. Das Interesse auf Seiten der Kollegen ist zum Glück gross. Wir haben in der Kardiologie angefangen, in der Chirurgie weitergemacht und werden bald auch in anderen Bereichen wie Psychiatrie oder Rheumathologie mit Projekten aktiv.

Um was für Projekte handelt es sich dabei?

Das ist ganz unterschiedlich. Kann sein, dass ein externer Partner, ein Start-up etwa, mit uns zusammen seine Anwendung klinisch validieren möchte. Wenn wir darin einen Nutzen für die Patienten sehen, verfolgen wir das Projekt weiter. Allerdings muss der Partner damit einverstanden sein, dass wir die Ergebnisse publizieren – selbst wenn diese nicht positiv ausfallen. Eine andere Möglichkeit ist es, dass ein Mitarbeiter des Unispitals eine zündende Idee hat und diese weiterverfolgen möchte. Hierfür führen wir seit diesem Jahr mehrmals im Jahr den Future Friday durch, zu dem wir unsere 8000 Mitarbeitenden einladen, ihre Innovationsideen einzureichen. Die drei besten Ideengeberinnen und -geber werden zum Pitchen eingeladen, und eine Idee erhält grünes Licht. Das Gewinnerprojekt wird dann mit genügend Ressourcen ausgestattet, um die Idee innerhalb von sechs Monaten zu einem ersten Prototyp voranzutreiben.

Bislang gehörte es nicht zum Leistungsauftrag eines Spitals, Innovation umzusetzen. Warum plötzlich dieser Umschwung?

Die Forschung war schon immer zentraler Bestandteil des Universitätsspitals. Daraus sind immer wieder innovative Spin-offs entstanden. Indem wir diesen Prozess jetzt noch proaktiver angehen, katalysieren wir dieses Potenzial und gewinnen weiter an Reputation. Dies bringt unser Spital auf manchen Gebieten weltweit auf den Radar. Wir wollen nicht nur medizinisch, sondern auch beim Thema Innovation zu den Besten gehören. Dafür bietet das Ökosystem in Basel mit seinem starkem Life Science-Umfeld und einer dynamischen Start-up-Szene hervorragende Voraussetzungen. Das USB ist bereits Partner vieler interessanter Projekte, was uns wiederum Zugang zu den avanciertesten Technologien gibt. Für ein nach internationalen Massstäben nur mittelgrosses Spital ist dies keine Selbstverständlichkeit. Beim Thema Agilität ist unsere Konstellation aus universitärem Umfeld und strategischer Ausrichtung auf Innovation/Digitalisierung ein klarer Vorteil.

Wie funktioniert das, wenn Ärzte zu Entrepreneurs oder sogenannten Docpreneurs werden? Wer bekommt welche Anteile am neu gegründeten Unternehmen?

Hierfür müssen wir das geeignete Modell noch erproben. Kerngeschäft des Spitals ist und bleibt natürlich die Behandlung von Patienten. Allerdings ist es auch korrekt, dass das Spital einen fairen Anteil an der Entwicklung einer Innovation erhält. Es gibt zwei Extreme: Entweder die IP gehört ganz uns und wir lizenzieren zum Beispiel das Produkt an den Partner aus, der es weiter vertreibt. Oder das Produkt gehört dem Partner und wir beteiligen uns an dessen Entwicklung mit dem Ziel, die genau passende Anwendung für uns zu erhalten. Das realistische Szenario liegt oft irgendwo dazwischen.

Wollen Ärzte denn Unternehmer werden?

Im Zweifelsfall würde ich sagen: Nein. Und das ist gut so. Ziel ist es ja nicht, dass alle unsere Ärztinnen und Ärzte Start-ups gründen. Wichtig ist uns, dass sie sich vermehrt am Innovationsprozess beteiligen, indem sie ihre Ideen und ihr Fachwissen einbringen. Dafür sollen sie dann auch ihren gerechten Anteil erhalten, etwa in Form von Beteiligungen. Dasselbe sollte übrigens auch für nichtärztliche Mitarbeiter gelten.

About Jens Eckstein

Jens Eckstein is Chief Physician and Chief Medical Information Officer at the University Hospital of Basel. Eckstein is a specialist in cardiology and internal medicine and has completed his doctoral thesis on both the development of a heart valve prosthesis and the mapping of cardiac arrhythmias. He habilitated at the University of Basel and studied medicine in Lübeck and Freiburg. In his first profession he was a paramedic.

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