Was überzeugt einen Angel Investor?
Angel-Investor Nicolas Lehmann erklärt, warum Imvestitionsentscheidungen in der Frühphase häufig weniger von perfekten Daten als vielmehr von der Widerstandsfähigkeit der Gründerinnen und Gründer, der Zusammensetzung des Teams und der Qualität der Umsetzung abhängen.
Auf dem letzten Basel Area Business & Innovation Co-Founder Matchmaking Event im April 2026 gab der Angel-Investor Nicolas Lehmann den anwesenden Gründern eine direkte Antwort auf eine Frage, die viele Teams in der Frühphase zu spät stellen: Was bringt einen Angel-Investor tatsächlich dazu, «Ja» zu sagen?
Seine Antwort war eindeutig: In der Frühphase richten Investoren ihren Blick vor allem auf das Gründerteam.
Das Produkt ist wichtig. Der Markt ist wichtig. Die Zahlen sind wichtig.. Doch bevor ein Start-up über mehrere Jahre nachweisbares Wachstum, wiederkehrende Umsätze und ein vorhersehbares Geschäftsmodell verfügt, ist das Team oft das stärkste Signal, das ein Investor beurteilen kann. „Das Team ist der wichtigste Faktor, wenn ich investiere“ erklärte Lehmann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ein starkes Team ein schwaches Geschäftsmodell ausgleichen kann. Vielmehr investieren Angel Investoren in der frühen Phase in Menschen, die in der Lage sind, ihr Geschäftsmodell anzupassen, wenn sich die Realität verändert. Und die Realität verändert sich immer.
Warum Investoren in der Frühphase auf das Team setzen
Lehmann erzählt von einem Startup, in das er vor zehn Jahren investiert hat. Heute beschäftigt das Unternehmen mehr als 150 Mitarbeitende. Die meisten der ursprünglichen Gründer sind noch immer an Bord, doch nahezu alles andere hat sich im Laufe der Zeit verändert: vom Geschäftsmodell über das Angebot bis hin zur Website und Preisgestaltung.
Genau darin sieht Lehmann den entscheidenden Punkt. In einem Start-up in der Frühphase ist das Gründerteam oft der beständigste Erfolgsfaktor. Märkte verändern sich. Produkte entwickeln sich weiter. Preise werden angepasst. Es ist das Team, das das Unternehmen durch all diese Veränderungen führt.
«Anfangs liegt der Fokus der Investoren sehr stark auf dem Team. Das Geschäftsmodell, das Angebot, die Website, die Preisgestaltung- all das kann sich ändern. Das Konstante von Anfang bis zur Entwicklung des Unternehmens ist das Team.»
Deshalb achten Angel Investoren besonders auf die Gründerdynamik. Sie möchten verstehen, wer das Unternehmen aufbaut, wie die Gründer unter Druck funktionieren und wie wahrscheinlich es ist, dass sie weitermachen, wenn der erste Plan nicht mehr funktioniert.
Ein starkes Startup-Team ist von vornherein vielfältig
Für Lehmann suchen Investoren nur selten nach einem Einzelkämpfer. Sie suchen auch selten nach Gründerteams mit dem gleichen Hintergrund, den gleichen Fähigkeiten und einer ähnlichen Denkweise.
Ein stärkeres Team bringt von Anfang an unterschiedliche Kompetenzen ins Unternehmen. Das kann eine Kombination aus technischem und unternehmerischem Know-how sein, aber auch verschiedene Branchenerfahrungen, Ausbildungswege, Arbeitsweisen und Perspektiven. Gerade bei wissenschafts- und technologiebasierten Start-ups spielt diese Vielfalt eine entscheidende Rolle.
Rein technische Teams tun sich häufig schwer damit, ihre Innovation erfolgreich am Markt zu etablieren. Umgekehrt fehlt rein betriebswirtschaftlich geprägten Teams mitunter die fachliche Tiefe, um ein überzeugendes Produkt oder eine wissenschaftlich fundierte Lösung zu entwickeln. Die besten Gründerteams vermitteln Investoren das Vertrauen, dass sie den vielfältigen Herausforderungen eines Start-ups gewachsen sind.
«Ein Start-up wird Sie mit den unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontieren. Deshalb brauchen Sie ein vielfältig aufgestelltes Team – mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen, Branchenkenntnissen und vor allem einer guten Balance zwischen Business und Technologie beziehungsweise Business und Wissenschaft.»
Resilienz ist ein Investitionssignal
Gründer denken oft, dass Investoren vor allem Selbstvertrauen suchen. Lehmanns Argumentation war schärfer: Sie suchen nach Widerstandsfähigkeit.
Der Aufbau eines Startups ist kein einfacher Sprint. Es ist ein langer, schwieriger Prozess mit Rückschlägen, Druck und wiederholten Unsicherheiten. Angel Investoren wollen sehen, dass Gründer auch dann noch effektiv sind, wenn es schwierig wird.
Hinweise darauf können aus ganz unterschiedlichen Erfahrungen stammen. Frühere Gründungserfahrung ist ein Plus. Ebenso können eine anspruchsvolle berufliche Laufbahn, Leistungssport, ambitionierte persönliche Projekte oder andere Erfahrungen, die Ausdauer und Einsatz unter Druck belegen, ein starkes Signal sein.
Entscheidend ist die Frage: Bleibt die Gründerin oder der Gründer auch dann am Ball, wenn es schwierig wird? Kann das Team mit Rückschlägen umgehen, ohne daran zu zerbrechen? Ist es in der Lage, zu lernen, sich anzupassen und trotzdem konsequent weiter umzusetzen?
Lehmann machte deutlich, dass der Aufbau eines Startups «kein einfacher Sprint» ist. Gerade deshalb achten Investoren auf Resilienz – denn ein junges Unternehmen wird mit Herausforderungen konfrontiert, lange bevor sich Erfolg und Wachstum verlässlich einstellen.
Zwei Gründer sind oft stärker als einer
Lehmann war direkt in Bezug auf eine weitere Präferenz von Investoren: Es sollte mindestens zwei Gründer geben.
Der Grund dafür ist pragmatisch. Investitionen in Startups sind ohnehin schon riskant. Wenn ein Gründer alleine ist und geht, ist das Unternehmen zusätzlich zu allen anderen Risiken einem einzigen Ausfallpunkt ausgesetzt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Solo-Gründer grundsätzlich nicht investierbar sind. Lehmann hat bereits in Einzelgründer investiert – allerdings nur dann, wenn diese bereits ein starkes Team um sich aufgebaut hatten.
Die Botschaft an Solo-Gründer ist deshalb klar: Warte nicht bis zur Finanzierungsrunde, um zu zeigen, dass das Unternehmen auch ohne dich funktionieren kann. Baue frühzeitig ein Team auf, schaffe klare Verantwortlichkeiten und machen deutlich, dass die Zukunft des Unternehmens nicht allein von einer Person abhängt.
Die Zusammenarbeit muss sichtbar sein
Ein Gründerteam kann auf dem Papier stark aussehen und trotzdem in der Praxis scheitern.
Deshalb möchten Investoren sehen, wie ein Team tatsächlich zusammenarbeitet. Haben die Gründerinnen und Gründer bereits gemeinsam studiert, gearbeitet oder ein Projekt aufgebaut? Haben sie erste Herausforderungen gemeinsam gemeistert und klare Rollen, Verantwortlichkeiten sowie gemeinsame Arbeitsweisen entwickelt?
Ein neu zusammengestelltes Team kann großes Potenzial haben. Aus Sicht eines Investors ist es jedoch zunächst noch unbewiesen.
Lehmanns Ratschlag ist praktisch: Mache die Zusammenarbeit sichtbar. Zeige, wer für welche Bereiche verantwortlich ist. Nutze ein Organigramm. Erkläre die Entscheidungslogik. Sei klar über aktuelle Lücken und zukünftige Personalbedarfe.
Das hilft intern, weil es Verwirrung vermeidet. Es hilft Investoren, weil es Reife signalisiert. Und es hilft dem Unternehmen beim Wachstum, weil das Team sieht, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind und welche noch hinzukommen müssen.
Gründerwechsel sind nicht automatisch ein Warnsignal
Ein weiterer wichtiger Punkt, den Lehmann ansprach war, dass Gründerteams sich ändern können.
Das schreckt Investoren nicht automatisch ab. Menschen verlassen Unternehmen. Rollen entwickeln sich weiter. und manchmal stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus, dass eine bestimmte Konstellation nicht funktioniert. Entscheidend ist, wie Gründerinnen und Gründer mit solchen Veränderungen umgehen und sie erklären. Investoren werfen häufig einen Blick ins Handelsregister. Sie sehen Veränderungen in der Geschäftsführung oder im Verwaltungsrat und werden nach den Hintergründen fragen.
Lehmanns Ratschlag lautet daher: Verheimliche Veränderungen nicht. Bereite eine klare, ehrliche Erklärung vor. Was hat sich verändert? Warum war die Veränderung notwendig? Und weshalb ist das Unternehmen heute dadurch stärker oder besser fokussiert? Ein Team, das offen und transparent über schwierige Entwicklungen sprechen kann, wirkt auf Investoren oft glaubwürdiger als eines, das versucht, das Thema zu umgehen.
Kleine Signale verraten die Qualität der Ausführung
Für Lehmann zeigt sich die Umsetzungsstärke eines Start-ups oft in den kleinen Details. Er beschreibt es mit einem Satz, den viele Investoren intuitiv verstehen: «Wie du eine Sache machst, so machst du alles.» Zum Beispiel die Klarheit einer E-Mail. Die Qualität eines Anrufs mit einem Investor. Der Grad der Vorbereitung. Die Klarheit der Nachverfolgung.
Diese Signale sind wichtig, weil Investoren sie nutzen, um zu beurteilen, wie das Team arbeitet, auch wenn sie nicht im selben Raum sind.
Gründer unterschätzen das manchmal. Sie behandeln die Kommunikation mit Investoren als etwas, das getrennt von der Unternehmensgründung betrachtet werden kann. Investoren sehen das oft als Indikator für die Unternehmensgründung. Wenn ein Gründer während der Finanzierungsphase unklar, langsam oder unorganisiert ist, kann ein Investor annehmen, dass er auch bei Kunden, Partnern, Mitarbeitern oder der Finanzplanung nicht gut abschneidet. Eine gute und verlässliche Arbeitsweise schafft Vertrauen, noch bevor der Vertrag unterzeichnet wird.
Geh all-in und bringe die Grundlagen auf Investorenniveau
Lehmann betont auch die Bedeutung von Engagement. Gründer sollten davon ausgehen, dass Investoren nachfragen, ob sie Vollzeit arbeiten. In manchen Fällen, vor allem vor der ersten Finanzierungsrunde, kann eine Übergangsphase verständlich sein. Nach einer Investition erwarten Investoren jedoch in der Regel, dass sich das Gründerteam vollständig dem Start-up widmet.
Das gilt insbesondere bei Spin-offs, bei Gründern aus der Wissenschaft oder bei Teams, bei denen einige Mitglieder noch in der Forschung oder in einem Unternehmen tätig sind. Ausnahmen sind möglich, doch das Team muss glaubhaft zeigen, dass ausreichend Kapazität und Einsatz vorhanden sind, um das Unternehmen zügig voranzubringen.
Auch die rechtlichen Grundlagen sind wichtig. Gründer sollten ordnungsgemässe Arbeitsverträge haben. Investoren werden sich die Übertragung des geistigen Eigentums, Kündigungsfristen, Wettbewerbsverbote und andere arbeitsrechtliche Fragen ansehen. Das sind keine administrativen Details. Sie beeinflussen das Risiko, die Eigentumsverhältnisse und die Investitionsfähigkeit eines Unternehmens.
Baue Beziehungen zu Investoren auf, bevor du Geld brauchst
Einer der wertvollsten Ratschläge von Lehmann war auch einer der einfachsten: Fang frühzeitig an Beziehungen aufzubauen.
Angel-Investitionen basieren auf Beziehungen, da Investoren selten schon am ersten Tag eine Entscheidung treffen. Eine gute Beziehung kann sich durch ein Gespräch, eine Nachverfolgung, ein Update zum Fortschritt, eine Empfehlung oder ein gemeinsames Interesse an der Mission des Unternehmens entwickeln.
Lehmann schilderte dies anhand seiner eigenen Erfahrung mit Brian, einem Unternehmen für KI-gestützte Lehrassistenz, bei dem er heute Mitglied des Verwaltungsrats ist. Die Beziehung begann, weil ihn das Unternehmen interessierte. Es folgten Gespräche, anschließend investierte er. Später trat er dem Verwaltungsrat bei.
Niemand hatte diesen Ausgang von Anfang an geplant. Genauso entwickeln sich Beziehungen zwischen Angel-Investoren und Start-ups häufig.
«Sei proaktiv und vernetze dich immer wieder, denn das ist eine organische Beziehung. Ein Angel Investor entscheidet nicht am ersten Tag, dass er investieren will. Du beginnst zu reden, die Beziehung entwickelt sich und du weisst nie, wohin sie dich führt.»
Dennoch sollten Gründer klare Vorstellungen haben. Was erwarten sie von einem Angel Investor? Nur Kapital? Strategische Unterstützung? Kundenkontakte? Hilfe bei der Finanzierung? Erfahrung in der Unternehmensführung? Finanzielle Beratung?
Der Investor sollte ebenso klarstellen, was er im Gegenzug erwartet, einschliesslich Kommunikationshäufigkeit, Einfluss und Entscheidungsbefugnisse.
All das ist wichtig, weil aus einer Angel-Investition eine Beziehung entstehen kann, die sieben Jahre oder länger dauert. Unterschiedliche Erwartungen können noch lange nachdem das Geld auf dem Konto eingegangen ist, zu Spannungen führen.
Angel Investors können helfen, aber sie sind nicht dein operatives Team
Gute Angel Investoren können mehr als nur Kapital beisteuern. Sie können finanzielle Disziplin, Branchenkenntnisse, Zugang zu Kunden, Erfahrung im Vorstand, Unterstützung bei der Kapitalbeschaffung oder Kontakte zu Investoren mitbringen. Lehmann fasst es einfach zusammen: «Angel Investoren können Flügel verleihen.»
Gründer sollten diese Unterstützung nutzen. Aber sie sollten sie nicht mit der Kapazität eines Vollzeitmitarbeiters verwechseln. Ein Angel Investor kann Türen öffnen. Er kann Annahmen hinterfragen. Er kann helfen, das Unternehmen bei zukünftigen Investoren gut zu präsentieren. Er kann die nächste Finanzierungsrunde durch sein Netzwerk unterstützen. Er wird aber in der Regel nicht Teil des operativen Teams.
Die Aufgabe des Gründers ist es, das Unternehmen aufzubauen. Die Aufgabe des Angel Investors ist es, die Erfolgschancen von ausserhalb zu erhöhen.
Die Checkliste für das Investor-ready Team
Für Gründer, die sich darauf vorbereiten, von Business Angels Kapital zu erhalten, weist Lehmann auf eine klare Checkliste hin:
- Hast du die richtige Mischung aus technischen, kommerziellen und operativen Fähigkeiten?
- Kannst du durch deine bisherigen Erfahrungen oder den aktuellen Erfolg deine Widerstandsfähigkeit beweisen?
- Sind die Rollen und Verantwortlichkeiten klar definiert?
- Hast du bereits echte Zusammenarbeit erlebt, nicht nur Begeisterung der Gründer?
- Kannst du Änderungen im Team offen ansprechen?
- Bist du voll und ganz engagiert oder bist du auf dem Weg zu einem Vollzeit-Engagement?
- Sind deine Verträge, IP-Vereinbarungen und rechtlichen Grundlagen fertig?
- Zeigen deine E-Mails, Anrufe und Nachforschungen die Qualität der Umsetzung, die Investoren sehen sollen?
Angel Investoren erwarten von Start-ups in der Frühphase keine Perfektion. Sie erwarten jedoch, dass Gründerinnen und Gründer ihr Vorhaben mit Ernsthaftigkeit verfolgen. Genau dort beginnt oft das entscheidende „Ja“.
Über den Experten
Nicolas Lehmann ist ein Business Angel, Verwaltungsratsmitglied und Finanzexperte mit Erfahrung in Start-ups, wachsenden Unternehmen und grossen Konzernen. Er hat mehr als 25 Investitionen getätigt und ist Mitglied der SICTIC, der grössten Business-Angel-Community der Schweiz. Er ist Verwaltungsratsmitglied bei Brian, einem Unternehmen, das KI-gestützte Lernassistenten entwickelt, und war zuvor als CFO bei LEDCity AG tätig. Zu seiner Erfahrung zählen leitende Finanzpositionen bei Clyde Mobility, AMAG Group und Procter & Gamble sowie Lehrtätigkeiten an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich.
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